Kirche hoch zwei

Kirche2, das war …

ein bisschen ökumenischer Kirchentag im Kleinen. Vorträge, Workshops, gemeinsames Gebet. Gespräche mit anderen Konfessionen über regionale Grenzen hinweg. Eine Erzählgemeinschaft, die ihre (weltweit!) gemachten Erfahrungen miteinander teilen. Denkanstöße, Impulse, Begeisterte und Aufbruchswillige. Markt der Möglichkeiten mit vielen guten Beispielen, wie „es“ gehen kann.

Kurz gesagt: Es gab viel Schönes, was das Herz erwärmen kann. Es war interessant und bereichernd so viele bekannte Protagonisten aus der kirchlichen Aufbruchsszene an einem Ort einmal live und persönlich zu erleben. Und es sind charismatische Persönlichkeiten, die hier in Hannover in ihren Vorträgen tatsächlich etwas zu sagen hatten:

  • Bischof Graham Cray, der über das Miteinander, die mixed economy, von traditionellen Gemeindeformen und neuen Formen kirchlichen Lebens (Fresh expression), in der anglikanischen Kirche in England berichtete. In dem „sowohl alt als auch neu“ statt einem „entweder oder“ steckt ein Potential, dass sich auch die Kirchen in Deutschland nutzbar machen könnten und sollten. Deutlich wird aber auch, dass diese Prozesse und Entwicklungen in Engelnad seitens der Kirchenleitung konzeptionell mitgetragen und strategisch gewollt ist. Ob das in Deustchland auch so ist?
  • Christina Brudereck, evangelische Theologin und Autorin aus Essen, ist nicht nur eine begnadete Autorin, wie sie als Gewinnerin des Preacher Slams am ersten Kongressabend unter Beweis stellen konnte, sondern auch begeisterte und begeisternde Christin. Sie gehört mit zu den Gründern des Essener Gemeinschaft „emotion“. In einem Beitrag voller Sprachwitz ließ sie die vierzehn-jährige Geschichte des Projektes Revue passieren. Hier scheint eine Symbiose gelungen aus freikirchlich, basisgemeindlicher Gemeindeorganisation gepaart mit einem aufgeklärten Selbstbewusstsein. Das unterscheidet sich markant von amerikanisch-freikirchlich geprägten Gemeindemodellen und gewinnt dadurch eine hohe Attraktivität. Die Erzählungen von Brudereck machen deutlich, das ist alles andere als Kirche light!
  • Prof. Dr. Heinz Hempelmann, Refernet im EKD Zentrum für Mission in der Region Stuttgart, stellte die Herausforderungen für das kirchliche Selbstverständnis, die aus der Lebensweltforschung (insbesondere aus den Ergebnissen der Sinusstudien) erwachsen.  Kirche muss ganz neu die Sprache des anderen lernen. Kirchliches Selbstverständnis ist zu sehr enggeführt auf Gemeindekirche.
  • Mathias Sellmann, Professor für Pastoraltheologie an der Ruhruniversität Bochum, begeisterte mit einem Kurzvortrag zum Thema „Glauben“.  Der Vortrag war voller Bilder und Gleichnisse, die noch nachwirken:  Kirche darf sich nicht einrichten in der familiären Behaglichkeit der Gemeinden. Christen, die seit Jahren in ihren Gemeinden beheimatet sind, sind wir Streichhölzer in einer Streichholzschachtel. Streichhölzer sollen aber „draußen“ ihr Feuer entfachen und nicht in der Streichholzschachtel ihr Dasein fristen. Bewusst spitzte Sellmann seinem Vortrag zu und doch bleibt als schaler Beigeschmack die Frage, ob die Gemeinde als Heimat so schlecht und fragwürdig ist, wie Sellmann sie hier karikiert hat. Hier fehlt etwas von der Offenheit der mixed economy der anglikanischen Kirche.

Was ich mir beim Kongress noch mehr gewünscht hätte, wäre etwas Widerspruch, kritisches Nachfragen und Diskussion. Es blieb zu wenig Zeit, sich mit den Thesen der Protagonisten kritisch auseinanderzusetzen. Aber vielleicht kann das ein Kongress dieser Art gar nicht leisten. Hier war eine Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung spürbar und erlebbar. Und das ist angesichts einer oft resignativen Stimmung in der Kirche schon viel! Doch wäre es gut, wenn der ein oder andere Entscheidungsträger aus der einen oder anderen Kirche hier vor Ort (und bei ähnlichen Kongressen die in jüngester Zeit stattgefunden haben wie z.B. „Kirche geht“, „Milieussensible Pastoral“, …) gewesen wäre.

So bleibt der Eindruck und wächst die Sorge, dass die Aufbrüche in den Kirchen an den Kirchenleitung vorbei entstehen und wachsen. Das kann auf die Dauer nicht gut sein!