Rezension: Von der Zukunft her führen

C. Otto Scharmer, Katrin Käufer
Von der Zukunft her führen
Von der Egosystem- zur Ökosystem-Wirtschaft
Theorie U in der Praxis
Heidelberg 2014

Vor allem innerhalb der katholischen Kirche erlebt das Thema Spiritualität eine Renaissance. Immer wieder ist die Rede davon, dass kirchliche Entwicklungsprozesse maßgeblich geistlich gestaltet sein sollen. Dahinter steckt die Erfahrung, dass zahlreiche Änderungsprozesse  eher eine betriebswirtschaftlichen Logik folgten und sich weniger einem geistlichen Entscheidungsprozess verdanken. Nicht selten wurden diese Prozesse stark als Top-Down Prozesse erlebt, die vielfachen Widerstand auf den unterschiedlichsten Ebenen der Bistümer erzeugten.

Doch wie geht geistliches Entscheiden in Gruppen? Und wie lässt es sich in Prozesse integrieren, bei denen es unter anderem darum geht, möglichst viele Menschen an den Entscheidungen teilhaben zu lassen. Denn in den letzten Jahren wird immer deutlicher, dass Partizipation eine der wesentlichsten Voraussetzung einer nachhaltigen  Entwicklung von Kirche darstellt.

Interessanter Weise gibt es innerhalb des betriebswirtschaftlichen Management  ein intensives Nachdenken über ein nachhaltiges Wirtschaften. Allzu deutlich wird, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem die Zukunft der Menschheit und den Lebensraum Erde massiv bedrohen. Die  als Theorie U (siehe hierzu auch futur2, Ausgabe 01|2015) und Presencing bekannt gewordene Führungsmethode, stellt notwendige Führungsinstrumente bereit, um den Erfordernissen von Nachhaltigkeit und globaler Verantwortung im Management gerecht werden zu können.

Entwickelt wurde die Theorie U von C. Otto Scharner, Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology  (=MIT) und Gründer des Prescencing Instituts in Cambridge.  Interessanter Weise gehören spirituelle Elemente zum Kern dieses Führungskonzepts, dass auch für den kirchlichen Kontext höchst anregend und übertragbar ist.

Mit seiner MIT-Kollegin Katrin Käufer hat Scharmer unter dem Titel „Von der Zukunft her führen. Theorie U in der Praxis“ ein Buch vorgelegt, dass einen Systemwechsel vorschlägt. Statt auf ein „Egosystem-Bewusstsein“, das auf das Eigenwohl konzentriert ist, bauen die Autoren auf ein „Ökosystem-Bewusstsein“, das auf das Wohl aller, auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Dieser Bewusstseinswandel betrifft nicht nur Individuen, sondern auch Teams, Gruppen und Organisationen bis hin zur Gesellschaft als Ganzes betrifft. In einem solchen Systemwechsel sehen die beiden Autoren eine Möglichkeit den weltweiten, krisenhaften Phänomenen zu begegnen, die die Zukunft der Menschheit bedroht (Finanzkrise, Energiekrise, Klimakatastrophe, Massenarmut, Massenmigration, Fundamentalismus) und zu nachhaltige Veränderungen anzustoßen.

Ein vierphasiges Bewusstseinsmodell dient dem Autorenteam zur Beschreibung mentaler Modelle, die in der Geschichte der Menschheit prägend waren: a) Traditionelles Bewusstsein, b) Egosystem Bewusstsein, c) Stakeholder-Bewusstsein, d) Ökosystem-Bewusstsein. An vielen praktischen Beispielen variert das Autorenteam seine Grundthese, dass sich die Menscheheit in einem gesellschaftlichen Umbruch befindet, der eine neue Bewusstseinsstufe zur Folge haben wird.

Das Buch hilft Führungskräften, Beratern und Entscheidern dabei, Ideen, Experimente und persönliche Praktiken zu entwickeln, die diesen Wandel erleichtern und unterstützen. Ergänzendes Online-Material unterstützt die Umsetzung in den Führungsalltag.

Das von C. Otto Scharmer entwickelte Führung Theorie U hat sich als eine Führungsmethode etabliert, die gerade auch für den kirchlichen Bereich eine hohe Relevanz besitzt. Dabei ist besonders interessant, dass im Konzept Scharmers die Verbindung von „Geist und Materie“ eine zentrale Bedeutung zukommt. Spiritualität wird somit Voraussetzung und Treiber von Veränderung. Ein Ansatz, der gerade auch für Kirche hochanschlussfähig wäre! Es überrascht und erstaunt, dass das, was für manche Bistümer zurzeit eine große Herausforderung darstellt (obwohl es doch eigentlich zu den Kernkompetenzen von Kirche gehört), nämlich Prozesse „geistlich“ zu gestalten, in „profanen“ Organisationsberatungskonzepten schon weit entwickelt ist.

Alles in allem ist dem Autorenteam ein wichtiges und anregendes Buch gelungen. Alle, die auf der Suche nach Führungskonzepten für eine nachhaltige Entwicklung von Kirche und Gesellschaft sind, finden hier wichtige Impulse. Der populärweissenschaftliche Stil des Buches erleichtert den Zugang zu diesem wichtigen Diskussionsbeitrag.

veröffentlicht in:

futur2 (1/2018)