Das “Charisma des Ortes” entdecken und nutzen. Interview mit Pfr. Markus Krauth

Wer die Homepage maria-geburt.de aufsucht, staunt. Denn der Internetauftritt der Pfarrei Maria Geburt in Aschaffenburg unterscheidet sich wohltuend von vielen anderen kirchlichen Websites. Aktuell gibt es wohl nur wenig Seiten von Kirchengemeinden, die eine ähnlich gute ästhetische Qualität (Bilder, Texte, Layout…) bieten.

Ein genauerer Blick zeigt, ebenso ungewöhnlich wie die Homepage ist die Pastoral dieser Gemeinde. Im Zentrum dieser Pastoral steht die Auseinandersetzung mit dem ungewöhnlich gestalteten Kirchraum. Dieser wurde 1999 völlig neugestaltet. Das Gesamtkonzept zur Umgestaltung entwickelte der Bildhauer und Künstler Leo Zogmayer, Wien: „Alle Fenster und liturgischen Objekte wurden in einer stark reduzierten Formensprache eigens für diesen Raum entworfen. Es ist ein heller Raum, der den Eintretenden Weite und Freiheit, Klarheit und Offenheit atmen lässt. Er ist wie geschaffen für liturgische und kulturelle Versammlungen ebenso wie zur Meditation.“1 Die Auseinandersetzung mit und die Inspiration durch diese besondere Gestaltung des Kirchenraums prägt heute das gesamte Leben der Gemeinde.

Im folgenden Gespräch beschreibt Pfarrer Markus Krauth, wie er die Wirkung des Raumes nutzt und sie in seiner Pastoral aufgreift und vor welche Herausforderungen dieser pastorale Ansatz ihn und die Gemeinde vor Ort immer wieder stellt. Zur Pfarrei Maria Geburt gehören heute über 4700 Katholiken. Es gibt viele Zuzüge und Wegzüge. Gemeinsam mit dem Seelsorgeteam wird die Gemeinde von Pfarrer Krauth seelsorglich geleitet. Zum Pastoralteam gehören neben Pfarrer Krauth ein Pastoralreferent und ein Diakon für die Pfarreiengemeinschaft. Das Team wird ergänzt durch einen Pfarrvikar, einen Kuratus halbtags und einen Ruhestandspriester mit Seelsorgeauftrag.

Frank Reintgen: Herr Krauth, können Sie zunächst einige wichtige Stationen aus Ihrem Lebenslauf benennen?

Markus Krauth: Die Erfahrung meiner Berufung zum Priester mit 20 Jahren war sicherlich das wichtigste Ereignis meines Lebens. Eine weitere wichtige Station war meine erste Pfarrerstelle in Ebertshausen. Hier lebte ich ein Jahr lang zusammen mit meinem Bruder Thomas im Pfarrhaus, der danach auch Pfarrer geworden ist. Er hat mich auf das Thema Kunst und Ästhetik aufmerksam gemacht – auch im Zusammenhang mit Liturgie. Ich habe mich dann sehr intensiv mit zeitgenössischen Künstlern beschäftigt und diese Thematik gleich in meine Pastoral einfließen lassen.
Als ich 1991 nach Maria Geburt kam, wusste ich, dass die 100 Jahre alte Kirche renoviert werden muss. Dabei war mir klar, dass ich die Gemeinde in Zusammenhang mit der geplanten Renovierung mit einem von der Kirche unabhängigen zeitgenössischen Künstler in Kontakt bringen will.

Reintgen: Wie reagierte die Gemeinde auf die baulichen Veränderungen?

Krauth: Als die Neugestaltung 8 Jahre später fertig war, war der Raum völlig verändert. Geblieben sind nur die Marienfigur und die Orgel. Die Gemeinde konnte ich auf die neue Ästhetik und neue Sprache des Künstlers Leo Zogmayer wegen Planungsschwierigkeiten kaum vorbereiten. Das hatte zur Folge, dass bei der Eröffnung viele Schweinheimer geschockt waren. Viele Menschen haben darunter gelitten, dass ihnen ihre alte Kirche entzogen worden ist. Es gab wegen der zeitgenössischen Kunstsprache einen großen Aufschrei in den Medien und in der Diözese. Viele Schweinheimer haben gemerkt, dass die Ästhetik der Reduktion ihrer Frömmigkeit nicht entspricht. Sie haben das vehement, auch emotional in Leserbriefen an die Lokalzeitung zum Ausdruck gebracht.
Obwohl der Künstler und Vertreter der Gemeinde immer wieder bereit waren, die Neugestaltung zu erläutern, kamen Gespräche mit Menschen, die das Konzept ablehnten, so gut wie nicht zu Stande. Die emotionale Fixierung war einfach zu heftig. Der entstandene Konflikt war einer der schwierigsten Phasen in diesem Projekt.

Reintgen: Ein solcher Eingriff in die Raumgestaltung hat sicherlich Konsequenzen für die Art und Weise, wie Liturgie gefeiert werden kann.

Krauth:
Mir war klar, in diesem Raum kann Liturgie nicht einfach so weitergehen, wie vor der Renovierung. Daraufhin haben wir im Liturgiekreis und Pfarrgemeinderat die Liturgie dem Raum entsprechend gestaltet, um die neuen Chancen dieses Raumes zu nutzen und die Vorgaben der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils in der feiernden Gemeinde konkret in die Tat umzusetzen. Prinzip unseres Handelns wurde immer mehr das künstlerische Moment der Reduktion. Sie sollte es ermöglichen, dass Dinge und Gesten, Gebärden und Choreographien neu zu sprechen beginnen.

Reintgen: Der Internetauftritt ihrer Pfarrei wirkt sehr professionell. Angefangen von einer aufwendigen Flash-Technik bei der Programmierung bis hin zu exzellenten Fotos. Wie haben Sie den Internetauftritt entwickelt? Wo haben Sie Hilfe bekommen, wer hat Sie unterstützt.

Krauth: Neben der Neugestaltung der Liturgie-Ästhetik für unsere Gemeinde war uns schon vor Jahren klar, dass wir die neuen Medien nutzen müssen, um dieses Projekt auch weiteren Kreisen bekannt zu machen. So kam es zur Entscheidung, eine Homepage einzurichten. Mir war wichtig, dass es nicht irgendeine wird. Sie sollte vielmehr der Ästhetik unseres Kirchenraumes möglichst gut entsprechen. Und so führte ich Gespräche mit unserem Künstler, der gleich dazu bereit war, das Vorhaben zu unterstützen und einen ihm bekannten Web-Designer einzubeziehen. So ist dieser Homepage-Auftritt www.maria-geburt.de in einer “Dreiecksbeziehung” allmählich entstanden. Die Gemeinde hat vor allem die Fotos und Texte geliefert, Design und Organisation der Homepage wurde vom Designer entwickelt.
Die entstandene Übereinstimmung zwischen Raum, Liturgie und Medienauftritt ist eine gelungene Sache. Inzwischen gibt es auch einen Gemeindeblog dialog.maria-geburt.de. Hier können Interessierte nun auch mittels einer interaktiven Plattform kommunizieren. Ebenso haben wir bei Facebook eine Seite eröffnet, um so unterschiedlichen Menschen einen Zugang zu unserem Gemeindeleben zu ermöglichen.

Reintgen: Wie organisieren Sie es, dass der Internetauftritt aktuell bleibt?

Krauth: Die Internetauftritt wird im Wesentlichen von mir organisiert, zusammen mit unserer Sekretärin und unserem Gemeindefotografen. Er liefert die aktuellen Bilder, die sich aus der Liturgie und dem Gemeindeleben ergeben. Ich wähle sie aus, bearbeite sie und stelle sie dann ein oder übergebe sie der Sekretärin.

Reintgen: Überprüfen Sie, ob der Internetauftritt erfolgreich ist? Bekommen Sie Rückmeldungen hierzu?

Krauth: Überprüfen können wir das schon, vor allen Dingen in Facebook, dem Gemeindeblog und neuerdings bei Youtube. Wir bekommen auch immer wieder begeisterte Rückmeldungen von Leuten aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Wer auf unsere Homepage stößt, merkt, das ist ein stimmiges Konzept. Es spricht viele Menschen an, worüber wir uns sehr freuen.

Reintgen: Der Webauftritt hat eine besonders für Menschen aus den gehobenen Milieus (Performer, Liberal intellektuelle, Sozialökologische, Konservativ-etablierte) ansprechende Wirkung. Ist die Zuspitzung auf diese Zielgruppe beabsichtigt? Haben sie in ihrer Pastoral eine besondere Zielgruppe im Blick?

Krauth: Wir haben weder in unserer Gemeindepastoral noch in der Liturgie oder auch beim Internetauftritt irgendeine Zielgruppe im Sinn. Mir geht es darum, das Evangelium in heutiger Sprache und Ästhetik zur Geltung zu bringen.
Und ob das jetzt jemand aus dem Milieu der Performer oder des konservativen Milieus, ob das einen 80-jährigen oder 16-jährigen anspricht, das ist mir nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit von Inhalt und Form gegeben ist.

Reintgen: Wer sich den Internetauftritt genauer anschaut, kann den Eindruck gewinnen, dass der Kirchenraum eine besondere Bedeutung für die Gemeinde hat. Es gibt keine festen Bänke sondern eine flexible Bestuhlung. Für jeden Gottesdienst scheint der Raum neu arrangiert zu werden. Wie ist es dazu gekommen, dass die Kirche so eingerichtet wurde?

Krauth: Ja, in der Tat hat dieser Kirchenraum unsere Liturgie stark verändert.
Und die Liturgie, wie wir sie feiern, hat die Atmosphäre in der Gemeinde gewandelt. Vor allen Dingen ist der Umgang der Menschen miteinander während der Liturgie, vorher und nachher heute anders als noch vor Jahren .
Das geht hinein bis ins Gemeindeleben, denn die Vorgabe des Raumes ist ja nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine spirituelle. Dem Künstler war es wichtig, mit der Formsprache der Reduktion in diesem Raum zu zeigen, dass Gott eben kein Bild ist. Wir sollen uns kein Bild von ihm machen, von keinem Menschen und eigentlich von nichts. Es geht darum, der Wirklichkeit wirklich zu begegnen und nicht über Bilder.
Der spirituelle Ansatz geht natürlich über den Kirchenraum hinaus. Er wirkt sich aus in Gesprächskreisen, dem Religionsunterricht bis hin in zu Sozialkreisen, die sich in Nachbarschaftshilfe engagieren. Dieser Ansatz, der aus dem Geist des großen Mystikers Meister Eckhart lebt, ist auch Thema in Glaubenskursen.
So versuchen wir, das Spirituelle und das Ästhetische zusammenzubringen, da Innen und Außen – Seele und Haut könnte man beim Körper sagen – einfach eine Einheit bilden.

Reintgen: Gibt es eine Strategie bzw. ein Konzept, das hinter der Pastoral der Pfarrei steht? Wer hat das Konzept entwickelt? Wer hilft mit dabei, es umzusetzen?

Krauth: Das Konzept ist natürlich wesentlich mitentwickelt durch den starken spirituellen und ästhetischen Impuls des Künstlers Leo Zogmayer. Diesen Ball haben wir aufgegriffen und spielen ihn weiter. Dabei sind viele beteiligt, das sind die hauptamtlichen Mitarbeiter, das ist der Liturgiekreis, das ist der Pfarrgemeinderat, das sind die Lektoren, die Kommunionspender. Wir haben eine eigene Brotbackgruppe und eine Paramentengruppe, die sich um die Gewänder und Textilien kümmert und neue Gewänder schneidert, Bänder, Tischdecken usw.
Es sind also viele Gruppen an der Umsetzung beteiligt. Und es gibt viele Gespräche. Vom Pfarrgemeinderat wurde vor 3 Jahren ein Forum „Maria Geburt im Dialog“ initiiert. Hier diskutieren wir unterschiedliche liturgische, aber nicht nur liturgische Themen mit Interessierten der Gemeinde und darüber hinaus, z.B.: Ist Liturgie Theater, Theater Liturgie? Oder: Vom Rosenkranz zu Yoga! So tauschen wir unsere Erfahrungen aus und lernen daraus, was man noch besser machen kann.
Eine Strategie haben wir keine. Pastorale Ziele, davon halte ich nichts, weil Ziele immer davon ausgehen, dass man im Augenblick noch nicht so ganz vollkommen ist. Da wird dann ein Ideal (Leitbild) formuliert, dem man nachstrebt. Dann hat man das Ziel erreicht, es kommt das nächste an die Reihe.
Ein Reich-Gottes-Gleichnis beginnt mit dem Senfkorn. Das Senfkorn muss nicht das Ziel haben, endlich eine Staude zu werden. Das ergibt sich von selbst, wenn ich dem Kleinen traue und mich eben nicht gleich nach dem größten Baum ausstrecke.
Deswegen leben wir sehr basal, elementar sowohl liturgisch als auch gemeindlich und bleiben bei unseren Erfahrungen und bei unseren Wahrnehmungen, bei dem, biblisch gesagt, was der Geist uns im Augenblick eingibt. Daraus entwickeln wir sozusagen unsere Pastoral und unsere Liturgie.

Reintgen: Erleben Sie auch Widerstand und Blockaden in ihrer Pastoral?

Krauth: Der Widerstand formierte sich durch die revolutionäre Kirchenraumgestaltung. Viele Menschen haben gesagt, in diesem Raum kann ich nicht mehr Liturgie feiern, nicht mehr beten. Das führte dazu, dass manche in andere Pfarreien ausgewandert sind oder ihren Kirchgang eingestellt haben. Andererseits kommen neue Menschen dazu, die zum Teil auch von weiter her anreisen, weil sie einfach begeistert sind, wie hier Gemeindemitglieder miteinander in vielen Rollen und Gruppierungen lebendig Liturgie feiern und sich auch in vielen Gesprächskreisen austauschen über ihren Glauben und ihr Leben.

Reintgen: Wie ist es ihnen gelungen, Gemeinde mit auf einen solchen für katholische Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Weg zu nehmen?

Krauth: Natürlich mussten wir auch schmerzhaft erleben, dass Menschen diesen Weg, den wir gehen, nicht mitgehen konnten und können. Und es ist zugleich sehr erfreulich, dass bis heute Zugezogene und andere Menschen, die auf uns aufmerksam werden, von außen hinzukommen und begeistert sind. Sie finden hier das, was sie im Innersten schon immer gesucht haben. Und so verbinden sich die Menschen vor Ort mit denen, die zum Ort kommen. Das geschieht in großer Offenheit und Herzlichkeit. Die meisten fühlen sich sehr schnell willkommen und integriert.

Reintgen: Was sehen sie als größte Herausforderung der Pastoral vor Ort?

Krauth: Anfangs war für mich die größte Herausforderung, mich mit der spirituellen Botschaft dieses Raumes auseinander zu setzen. Also mit den Fragen der Reduktion auf das Wesentliche, mit der Leere, was heißt Leere, wie kann sich Leere füllen? Was ist der Unterschied zwischen Fülle und Völle?
Wie merken wir, was in diesem Raum geht und was nicht geht? Wie ist das Verhältnis von Gottesbild und Gottes Wirklichkeit? Also kamen viele Fragen, die dieser Raum uns gestellt hat und die auch mich durch viele Gespräche verwandelt haben.
So ist es mir wichtig geworden, den Menschen die spirituelle Botschaft des Evangeliums, seine spirituelle Kraft zu eröffnen und zu erschließen, damit diese literarische Quelle nicht in irgendeiner Frömmigkeit geparkt wird. Vielmehr soll sich seine Kraft in der Existenz des Einzelnen wie in der Gemeinde entfalten. Dann zeigt sich: Wenn ich dem Evangelium wirklich traue und mich wirklich auf Gott einlasse und nicht Gottesbildern nachlaufe, ist das ein Gewinn für meinen Alltag.
Deswegen ist für uns der spirituelle Austausch von entscheidender Bedeutung, ob im Einzelgespräch, in der Gruppe oder z.B. während oder nach der Predigt.

Weiterhin stellt sich die Herausforderung, sich neuen Impulsen zu öffnen, auf das zu hören, was den Einzelnen bewegt, was er sucht und in erster Linie natürlich, sich selbst treu zu sein.

Reintgen: Welche Vision von Gemeinde bzw. Kirche treibt sie an? Gibt es biblische Texte, die für ihre Pastoral besonders leitend sind?

Krauth: Von Vision als Leitbild halte ich nicht sehr viel. Was für mich am wichtigsten ist, ist die Visio, das heißt die Schau. Dass wir wirklich zum absichtslosen, nicht bewertenden Schauen dessen kommen, was sich unter uns zeigt und genau so zum Hören.
Wir haben in der Kirche seit 4 Jahren ein weißes Glasbild von Zogmayer hängen, in dem die Buchstaben des Wortes „schön“ ausgespart sind. Das Wort „schön“ kommt etymologisch von schauen. Das heißt, wenn ein Mensch absichtslos einfach schaut, sich von etwas faszinieren lässt, darin eintaucht, ohne Vorurteil, dann kann er die Erfahrung des Schauens und des Schönen machen, das etwas anderes ist, als etwas subjektiv schön zu finden.
Davor hing ein biblisches Zitat an der Wand, das Gleichnis, das Jesus erzählt: „Als einer eine besonders kostbare Perle fand, ging er hin verkaufte alles, was er hatte und kaufte sie.“
Das ist heute zentral in unserer Gesellschaft, in der die Menschen überfordert sind durch Sinnesreize und Stress. Das Gleichnis ermuntert uns, Mut zu fassen, umzukehren. Deswegen war das Gleichnis in Spiegelschrift geschrieben. Es geht darum, im Kontrast zur Gesellschaft zu leben und sich nicht von dem Vielen anziehen zu lassen, sondern bei dem EINEN zu bleiben.

Reintgen: Lieber Herr Krauth, herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Gespräch!

Das Interview erschien erstmalig bei futur2